Wie viel Klassismus steckt in Modetrends?

Mode spiegelt nicht nur Stil, sondern auch Klasse wider: Spätestens auf den zweiten Blick verbirgt sich in so manchem Modetrend eine Menge Klassismus. Welche Rolle die Romantisierung von Armut dabei spielt, was Rapper*innen und Victoria Beckham damit zu tun haben, darüber schreibt Autorin Isabelle Rogge ausgehend von klassistischen Erfahrungen in ihrer eigenen Biografie.

Sind Modetrends klassistisch? Titelbild via unsplash, Melanie Pongratz

Als ich 18 Jahre alt war, schenkte mir die Mutter meines damaligen Freundes eine kleine Abendhandtasche mit All-Over-Logodruck. Es war nicht irgendein Logo, sondern das Monogramm von Louis Vuitton. Die Mutter hatte mir offensichtlich eine Fake-Tasche aus dem Urlaub mitgebracht. Es war eine funktionstüchtige Handtasche, aber es war keine gute Kopie. Ein geschultes Auge konnte das billige Polyester schnell erkennen. Ebenso, dass es ein solches Modell im Original bei Louis Vuitton gar nicht gab. 

Für mich war klar: Ich werde diese Tasche nicht tragen können. Zu offensichtlich schien mir der Etikettenschwindel, schließlich hätte ich mir eine Louis Vuitton-Tasche im Original gar nicht leisten können. Ich behielt die Tasche also einige Jahre in der Schublade meines Kleiderschranks, bevor ich sie verschenkte.

Die Mutter meines Ex-Freundes hatte mir eine Freude machen wollen, deshalb erwähnte ich ihr gegenüber nicht, dass ich mit dem Geschenk nichts anfangen konnte. Sie hätte mein Problem vermutlich nicht nachvollziehen können. Zwischen ihren Designerstücken, die ich aufgrund des familiären Vermögens allesamt für Originale hielt, wäre eine Fälschung nicht so schnell aufgefallen. Vielleicht fand sie es aber auch einfach okay, mir eine Fälschung mitzubringen, da sie wusste, dass ich aus relativ armen Verhältnissen stamme. Ob es also bewusster oder unbewusster Klassismus war wir werden es wohl nie erfahren.

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Mode als Mittel sozialer Abgrenzung

Klassismus ist die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft sowie der aktuellen sozialen und ökonomischen Position. Das bedeutet, dass wir als Gesellschaft Menschen mit wenig Geld und Menschen in Armut abwerten. Das bedeutet auch, dass wir Vorurteile gegenüber Menschen mit Armutserfahrungen haben. Vorurteile darüber, welche Charaktereigenschaften diese Menschen besitzen. Aber auch, wie sie aussehen oder auszusehen haben. 

Und so kann das, was wir an Mode lieben, nämlich dass sie Ausdrucksmittel unserer Persönlichkeit sein kann, auch zu einem Abgrenzungsmittel werden. Einem Abgrenzungsmittel, das Klassismus besonders sichtbar macht. Das geschieht immer dann, wenn Mode nicht nur unseren Geschmack und unsere Persönlichkeit betont, sondern vor allem unseren Geldbeutel, unser Vermögen und damit auch unsere soziale Klasse. 

Damit ist Mode im Grunde per se klassistisch, wenn sie preislich nicht allen zugänglich ist. Ein Kritikpunkt, dem sich auch die Fair-Fashion-Szene stellen muss. Mode als performatives Ausdrucksmittel kann also nicht nur widerspiegeln, wer wir sind oder sein wollen, sondern auch, wer wir uns erlauben, zu sein und oftmals vor allem, wer uns die Gesellschaft erlaubt, zu sein. 

Das Flexen im Rap als symbolischer Widerstand gegen Klassismus

Mit diesen klassistischen Erwartungen zu brechen ist ein Stilmittel, das wir immer wieder im Rap-Genre beobachten können. Das Flexen ist ein fester Bestandteil der Rap-Kultur überall auf der Welt. Wer das nur als Prahlerei mit materiellen Werten abtut, verkennt den Klassismus, den viele Kunstschaffende im Hip Hop aufgrund ihrer Biografien erlebt haben. 

Stattdessen sollten wir uns fragen: Wer darf in unserer Gesellschaft derzeit Luxusmarken tragen, ohne dafür kritisiert zu werden? Braucht es dafür eine bestimmte Hautfarbe oder gar Sprache? 

Die Rapperin Ebow bringt die Doppelmoral unserer Klassengesellschaft in ihrem Song „Prada Bag” auf den Punkt:

„[…] die Leute fragen immer

Warum muss es im Rap darum gehen, wer wie viel Cash macht, welche Marken du trägst, welchen Wagen du fährst? und so weiter, ne?

Aber wenn du in einer Gesellschaft aufwächst, die dich immer als Mensch zweiter Klasse sieht, immer von oben herab

Dann ist deine einzige Möglichkeit, auf gleicher Augenhöhe zu stehen, ihnen zu imponier’n

[…] ich, im Prada-Outfit, im Benzer, in deiner weißen Nachbarschaft

Macht dir mehr Angst als irgendwelche Clans auf RTL

Warum?

Weil ich ein Bild werde, das du nicht zuordnen kannst”

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Das Flexen kann also über den Genuss materieller Werte hinaus auch als symbolischer, ermächtigender Schritt gesehen werden, bei dem es um die Repräsentation und Manifestation von Aufstieg in einer klassistischen Gesellschaft geht, die nur eine kapitalistische Sprache versteht. Eine popkulturelle Analyse zur Verbindung von Hip Hop und Habitus, also dem Aussehen und Verhalten, bei Künstlerinnen wie Ebow und Haftbefehl liefert die Journalistin und Autorin Mareice Kaiser in ihrem re:publica-Vortrag “Warum nicht jede*r Haftbefehl werden kann”.

Wenn in Modetrends Klassismus steckt: Die Romantisierung von Armut

Über den Preis hinaus kann in Modetrends zudem Klassismus stecken, wenn gewisse Stereotype, die Menschen in Armut zugeschrieben werden, in einer idealisierten Ästhetik von Menschen der Mittel- und Oberschicht getragen und weiter noch kapitalisiert, also zu Geld gemacht werden. 

Das historisch bekannteste Kleidungsstück ist wohl die zerrissene Jeans. Galt sie in den späten 70er Jahren zunächst noch als nonkonformistisches Ausdrucksmittel der Jugend- und Punkbewegung, wurde sie spätestens durch Vivienne Westwoods Mode kommerziell bekannt und kam schließlich auch im Mainstream an. Die zerrissene Jeans ist ein anschauliches Beispiel für den immer wiederkehrenden Used-Look-Trend. Der Klassismus dieses Modetrends wird durch die disparaten Dimensionen von Unfreiwilligkeit und Freiwilligkeit der Tragenden deutlich. Denn es macht einen Unterschied, ob ich mit einer abgenutzten Jeans herumlaufe, weil ich nur diese eine Hose besitze und mir die Reparatur oder ein neues Exemplar nicht leisten kann, oder ob ich den Style freiwillig anziehe und jederzeit wieder ablegen kann. 

Der Ausdruck Clochard-Ästhetik klingt irgendwie chic, oder? Das verdeutlicht ziemlich gut, was die damit verbundene Inszenierung tut. Sie romantisiert Obdachlosigkeit. Clochard ist nämlich der französische Begriff für Obdachloser. 

Klassismus vor der Kamera und in der Kritik

Die Krone des Clochard-Klassismus setzte sich im Januar 2020 der Schauspieler Lars Eidinger höchstselbst auf. Eidinger nutzte die besagte Ästhetik und posierte für Werbefotos in schlichter schwarzer Hose, einem roten Pulli und einer Jeansjacke im Used Look vor einem Schlaflager von Obdachlosen. In der Hand eine Tasche aus Rindsleder, die mit ihren schrägen blauen Streifen auf weißem Grund an das ikonische Design der Aldi-Tüte erinnerte. Entstanden ist die Tasche in einer Kooperation mit Designer Philipp Bree und dessen Brand PB 0110. Ihr Preis: 550 Euro. 

Nachdem Eidinger einen Shitstorm für die Fotoaktion erntete, erklärten Eidinger und Bree in einem Interview, dass es sich bei dem Motiv im Original um ein Kunstwerk des Malers Günter Fruhtrunk handele und die Tasche eher ein Statement für Nachhaltigkeit und gegen Fast Fashion sei. Auf die Frage, warum er sich für eine Kampagne in der Clochard-Ästhetik entschied, antwortete er: „Da steckt keine Gesellschaftskritik hinter. Einmal stehe ich vor so einem Schlaflager, was natürlich ein bisschen kritisch ist. Aber es ist ja ein Teil unserer Welt, der nur in vielen Bereichen ausgeblendet wird. Ich möchte ihn zeigen, aber nicht bewerten. Ich erhebe mich nicht darüber.”

Nur „ein bisschen kritisch” hätte man die Fotos sicherlich besprechen können, wenn Eidinger spontane Schnappschüsse von sich mit einer Alditüte vor einem Schlaflager von wohnungslosen Menschen gepostet hätte. Definitiv kritisch sollte man hingegen darüber sprechen, wenn einem Schauspieler aus einer bildungsbürgerlichen Familie offenbar jegliches Klassenbewusstsein fehlt, sodass er sich in einer Luxustaschen-Kampagne inszeniert, die nicht nur mit dem Stigma von Menschen in Armut und Obdachlosen spielt, sondern ihn auch noch ordentlich daran verdienen lässt. Da hilft es auch nicht, dass das Ursprungswerk des Aldi-Designs von Günter Fruhtrunk  stammt.

Das Discounter-Paradox

Apropos Aldi. Discounter sind in erster Linie dafür bekannt, Produkte zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Neben Lebensmitteln gibt es immer wieder auch günstige Kleidung auf den Aktionsflächen in den Supermärkten. Abseits der oftmals offenen Frage nach den Produktionsbedingungen der Näher*innen dieser Kleidung ist es zunächst einmal positiv zu bewerten, dass dadurch auch Menschen mit wenig finanziellen Mitteln Zugang zu günstiger, neuwertiger Bekleidung erhalten.

Paradoxerweise erzeugen aber ausgerechnet die Discounter Lidl und Aldi Nord seit 2019 mit speziellen Kollektionen immer wieder Situationen, die Klassismus in Form von Modetrends produzieren. Denn die Kollektionen, welche mit den Logos, Markenfarben und Designs der Supermärkte spielen, gibt es nicht für die regulären Kund*innen auf den Verkaufsflächen zu erwerben. 

Im Fokus der Discounter stehen stattdessen Social-Media-Gewinnspiele, Pop-Up-Stores  und Influencer-Kooperationen. Um die Neuware entsteht durch die künstliche Verknappung ein Hype, sodass die Produkte gebraucht sogar noch wesentlich teurer weiterverkauft werden. Das führt dazu, dass die Badelatschen, Socken und Hoodies im Dadcore-Style vor allem Menschen tragen, die nicht auf  günstige Discounter-Ware angewiesen sind und diese in einer Kombination aus High und Low Fashion inszenieren. Dadurch werden Kleidungsstücke, die früher als unmodisch galten, zu Accessoires der Mittel- und Oberschicht. Wenn dieser Trend die Kleidungsstücke in der Konsequenz wiederum teurer werden lässt, können wir auch hier von klassistischen Effekten sprechen. Immerhin: Lidl bot die eigene Modekollektion zuletzt auch zu günstigen Preisen in limitierter Anzahl über den Onlineshop an.

Leiser Luxus, laute Ironie

Aber müssen es überhaupt immer große, auffällige Markenfarben und Logos sein? In den letzten Jahren konnte sich der Quiet-Luxury-Trend etablieren. Minimalistische Designs, schlichte Farben und hochwertig verarbeitete Materialien unterstreichen den Luxus von Marken wie Jil Sander oder Filippa K subtil. Quiet Luxury-Pieces haben eine lange Halbwertszeit. Aus nachhaltiger Sicht ist das Investieren in einige zeitlose Klassiker daher wünschenswert. Und aus klassenbewusster? 

Die Annahme, dass Menschen in Armut mühelos für Quiet Luxury-Pieces sparen können, erscheint angesichts ihrer finanziellen Herausforderungen als unrealistisch. Zudem ist die Quiet-Luxury-Ästhetik unlängst auch im Fast-Fashion-Bereich angekommen. Wenn auch in minderwertiger Qualität, lässt sich der Luxus-Look nun auch mit wenig Geld nachempfinden. Die deutsche Ausgabe der „Vogue” witterte als Antwort darauf bereits den Gegentrend der XXL-Logos bei Designern wie Dior.

Dass das Ziel der Gewinnmaximierung den Nachhaltigkeitsaspekt von Quiet Luxury am Ende eben doch oft schlägt, bewies zuletzt auch Victoria Beckham mit einem T-Shirt, den der selbstironische Slogan „My Dad Had A Rolls Royce” ziert. David Beckham hatte sie in einer viral gegangenen Szene aus der Netflix-Doku über das Paar daran erinnert, dass ihre Familie mit einem Rolls Royce wohl doch nicht so ganz zur Arbeiterklasse gehörte. Verkörpern die meisten ihrer Designs den Inbegriff von Quiet Luxury, ließ sich Victoria Beckham nach dieser ikonisch gewordenen Szene zur Kapitalisierung ihres nicht vorhandenen Klassenbewusstseins hinreißen. Kosten für das T-Shirt: 130 Euro.

Modetrends als Spiegel des Klassismus

Solange wir in einer Klassengesellschaft leben, wird auch die Mode als Spiegel der Gesellschaft klassistisch bleiben. Ein erster Schritt für ein sensibleres Klassenbewusstsein kann sein, sich selbst in dieser Gesellschaft zu verorten. Wie arm oder reich bin ich eigentlich wirklich? Gehöre ich zur Unter-, Mittel- oder Oberschicht? Bei der Einordnung können Rechner wie jener vom Institut der deutschen Wirtschaft helfen. 

Wenn wir die Kaufkraft besitzen, sollten wir bewusst damit umgehen. Aber nur, weil wir weniger, nachhaltig und fair konsumieren können, heißt das eben nicht, dass es uns zusteht, auf Menschen herabzublicken, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage weniger Entscheidungsfreiheit genießen.

Das klassistische Herabblicken auf Menschen in Armut kann sich nicht nur in unserer Sprache, sondern auch im Stilisieren einer gewissen Optik äußern. Deshalb sollten wir uns bewusst sein, dass Modetrends und romantisierende Inszenierungen à la Clochard-Ästhetik den Zustand der Armut verharmlosen. Das heißt nicht, dass wir uns nie wieder eine zerrissene Jeans kaufen dürfen, aber wir können uns vor dem Kauf eines Kleidungsstücks durchaus fragen: Profitiere ich in meiner sozialen Klasse von einem Trend, während er andere Menschengruppen stigmatisiert und muss ich da mitmachen? Welchen Look werde ich beim Tragen eines Kleidungsstücks kreieren? Wie werde ich mich damit beispielsweise auf Instagram inszenieren? Und wer profitiert letztendlich von meinem Kauf einer romantisierten Vorstellung von Armut? 

Eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Fragen kann hoffentlich dazu führen, dass es in Zukunft keine Bilder mehr von vermögenden Menschen mit Luxustaschen vor Schlafstätten von wohnungslosen Menschen gibt und dass wir Klassismus in Modetrends bewusster wahrnehmen.

Über Isabelle Rogge

Isabelle kann sich nicht für einen Beruf entscheiden. Daher hat sie viele. Als Journalistin arbeitet sie vor allem zu Themen sozialer Gerechtigkeit, wie Klassismuskritik und  Klimagerechtigkeit. In ihrem Podcast Halbwaisheiten spricht sie mit Menschen über das aktuelle Zeitgeschehen, Lebensweisheiten und die eigene Verletzlichkeit. Zudem hilft sie als Wissenschaftskommunikatorin und Podcastproduzentin Forschenden dabei, die eigenen Projekte besser nach außen zu kommunizieren.

©Kristina Kast

Titelbild: © Melanie Pongratz/Unsplash

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