Adieu Freiwilligkeit! Warum ich eine gesetzliche Regulierung der Modeindustrie fordere

Oft denke ich darüber nach, was wirklich passieren muss, um die Textil- und Bekleidungsindustrie dauerhaft zu verändern. Als Juristin bin ich der Überzeugung: Nur eine gesetzliche Regulierung kann das Unmögliche möglich machen.

Eine blonde Person hält einen mit Wasser gefüllten Behälter, der Hintergrund ist ein wolkenloser Himmel, der Behälter enthält 2 Fische

Vote with your Dollar”, Dein Kassenbon ist dein Stimmzettel.” Wie oft haben wir schon gehört, dass ein wachsendes Verbraucher*innenbewusstsein die Modebranche verändern wird. Gleichzeitig heißt es, Unternehmen könnten sich genauso gut selbst regulieren und die Industrie dauerhaft positiv verändern. Doch ich frage mich: Sind wir da nicht zu optimistisch? Glauben wir wirklich, dass die Branche sich von allein regelt, solange das Business boomt? Textilmüll und Überproduktion werden aktuell weder durch die Nachfrage der Konsumierenden noch durch Unternehmen selbst gelöst. Ich sage daher: Kein gesetzlicher Paragraf, keine Veränderung. 

Schlappe Grenzen der Selbstregulierung

Während der COP26 (der 26. Klimakonferenz der Vereinten Nationen, die 2021 in Glasgow stattfand) wurde die im Jahr 2018 eingeführte Fashion Industry Charter for Climate Action aktualisiert. Dieses Dokument beinhaltet im Wesentlichen eine Reihe von wissenschaftlich fundierten Zielen und Verpflichtungen für die Modebranche und legt diese im Einklang mit dem Pariser Abkommen fest. Modeunternehmen, die die Fashion Charter unterzeichnen, versprechen unter anderem, ihre Emissionen bis 2030 um 50 Prozent zu senken und bis 2050 Netto-Null Emissionen zu erreichen. 

Solche Zusagen sind ein großer Schritt nach vorn für die Modebranche, keine Frage. Ich wäre auch durchaus optimistischer, wäre da nicht ein kleines Problem: Die Fashion Charter ist nämlich nicht rechtlich bindend. Konkret heißt das: Unternehmen sind weder verpflichtet teilzunehmen, noch können sie zur Rechenschaft gezogen werden, falls sie die Ziele nicht erreichen. Wenn ich eines in meinem Studium gelernt habe, dann, dass derartige unverbindliche Versprechen in den seltensten Fällen systemischen Wandel bringen. Konzerne können also die vereinbarten Ziele von heute auf morgen revidieren und sich mit absurden Erklärungen rechtfertigen – ohne jegliche Konsequenzen. 

Und wer jetzt glaubt, Textilsiegel seien eine bessere Lösung, der irrt. Freiwillige Zertifizierungen durch private oder öffentliche Organisationen können viel bewegen, aber es gibt wenig bis gar keine rechtlichen Sanktionen oder Konsequenzen für die Nichteinhaltung des Verfahrens – ein Unternehmen verliert seine Zertifizierung einfach, wenn es sich nicht an die Regeln hält. Zudem entwickeln manche Konzerne eigene Siegel, die Konsumierende zunehmend verwirren. Somit drehen wir uns weiter im Kreis und sind immer noch sehr weit weg von einer dauerhaften Lösung. 

Wir brauchen also Gesetze. Zu dieser Schlussfolgerung kam auch Greenpeace. Vor zehn Jahren hat die NGO die Detox-my-Fashion-Kampagne gestartet: 29 führende Marken hatten sich verpflichtet, gefährliche Chemikalien aus ihren Lieferketten zu beseitigen. Einige haben sich sogar gegen die Überproduktion in der Modebranche ausgesprochen und zielten darauf ab, ihren Herstellungsprozess zu verlangsamen. 

Jahre später hat die NGO nun eine unangekündigte Überprüfung durchgeführt und Ende 2021 den passenden Bericht veröffentlicht. Die Fortschritte sind überwiegend positiv – immer mehr Brands verzichten auf krebsfördernde Chemikalien. Doch kaum ein Unternehmen produziert weniger. Im Gegenteil, es wird sogar mehr produziert. Das Fazit der NGO: Ohne verpflichtende Gesetze ist die Modebranche nicht in der Lage, sich selbst zu regulieren. Greenpeace fordert die Behörden auf, das Detox-Modell auf die gesamte Modebranche gesetzlich auszuweiten, um den Prozess zu beschleunigen. „Alles andere würde zu lange dauern”, heißt es im Bericht. 

Dem kann ich nur zustimmen. Freiwilligkeit hinterlässt bei mir oftmals einen bitteren Nachgeschmack. Viele Unternehmen (vor allem die großen Player), die nachhaltigen Initiativen freiwillig beitreten, tun dies, weil Nichtstun ihrem Image schaden würde. Sie ziehen mit, weil Nachhaltigkeit eben auch ein „Trend” ist – ganz nach dem Motto: Sustainability sells. 

Ohne gesetzliche Regulierung herrscht ein unvermeidlicher Interessenkonflikt. Die meisten Unternehmen, die ein finanzielles Interesse daran haben, ihre Kosten niedrig zu halten, werden keine freiwilligen Initiativen zur Einführung strengerer Standards vorantreiben, deren Umsetzung erhebliche Investitionen erfordern würde. 

Ist ein*e Modeminister*in die Lösung?

Zugegeben, in puncto Gesetzgebung tut sich etwas: Das deutsche Lieferkettengesetz tritt 2023 endlich in Kraft und auf EU-Ebene laufen die Diskussionen für entwaldungsfreie Lieferketten, ein Kreislaufwirtschaftsgesetz sowie ein EU-Lieferkettengesetz. Doch reicht das wirklich? 

Einer der Hauptgründe für die weitverbreiteten Umweltschäden und die Verletzung von Arbeitnehmer*innenrechten ist die Praxis des Outsourcings, die es den Herstellern ermöglicht, rechtliche Haftung abzuwenden. Bei mittelbaren Zulieferern müssen deutsche Unternehmen laut Lieferkettengesetz nur tätig werden, wenn sie Hinweise auf Verstöße („substantiierte Kenntnis“) erhalten. Doch ein Lieferkettengesetz, das den Anfang der Wertschöpfungskette nicht berücksichtigt, ist kein effektives Gesetz. Da gehen bei mir alle Alarmglocken an.

In meinen Augen wird das deutsche Lieferkettengesetz, so wie es nächstes Jahr in Kraft treten wird, nicht ausreichen, um die Modeindustrie dauerhaft zu verändern – zumal die meisten Unternehmen aktuell noch nicht auf das Gesetz vorbereitet sind und die Risiken innerhalb der Wertschöpfungskette weiterhin massiv unterschätzen. Zusätzlich fehlt die zivilrechtliche Haftungsregelung, Umweltauswirkungen werden nur marginal behandelt (Biodiversitätsverluste werden beispielsweise nicht erfasst) und es wurde keine wirksame Abhilfe und Wiedergutmachung für Betroffene vorgesehen. Kurz gesagt: Das deutsche Lieferkettengesetz ist inkonsistent.

Ob das EU-Lieferkettengesetz Letzteres wohl aufgreifen wird? Ich bin sehr gespannt, aber auch das bedarf einer genaueren Analyse und würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. (Aber keine Sorge, hierzu kommen sehr bald News!)

Ich persönlich finde Frankreichs Ansatz interessant. Hier wurde die Textil- und Bekleidungsindustrie dank Brune Poirson, eine von drei Staatssekretär*innen im Ministerium für ökologischen und integrativen Übergang, genauer unter die Lupe genommen. Poirson hat sich zwischen 2017 und 2020 systematisch mit verschiedenen Formen der Umweltverschmutzung befasst, die durch die Modebranche verursacht werden. Die New York Times erklärte sie daraufhin zur „inoffiziellen Modeministerin“ Frankreichs.

Obwohl sie sich nicht explizit mit Mode befasst hat, hat sie ein Anti-Abfall Gesetz mit entworfen, das Modemarken daran hindert unverkaufte Waren zu zerstören. Zudem macht das Gesetz Waschmaschinenfilter verpflichtend – so soll das Mikroplastik unserer Kleidung nicht in den Wasserstrom gelangen. Die Modebranche und deren Auswirkungen wurden hier bei neuen Gesetzesentwürfen berücksichtigt und Gesetze darauf basierend angepasst.

Obwohl Brune Poirson mittlerweile als Beraterin für nachhaltige Entwicklung bei Accor arbeitet, ist sie meine persönliche Heldin. Wie wäre es, wenn jedes Land dieser Welt ein*e Modeminister*in engagiert? Ich melde mich sogar freiwillig!

Rückt eure Zahlen raus! 

Zuverlässige Daten sind in der Modebranche Mangelware. Die Verfassung und Veröffentlichung jährlicher Nachhaltigkeitsberichte ist größtenteils freiwillig und kann so schnell verfälscht werden – denn am Ende entscheiden Unternehmen selbst, ob und welche Informationen sie veröffentlichen. Mal wieder.

Eine gesetzliche Regulierung könnte auch in diesem Fall genutzt werden, um ein Mindestmaß an Transparenz und Rechenschaftspflicht im Herstellungsprozess zu fordern. Nachhaltigkeitsberichte müssten beispielsweise eine quantitative Basislinie zu Treibhausgasemissionen enthalten sowie konkrete Zahlen zum Energie-, Wasser- und Chemikalienverbrauch. Die Zahlen würde einen direkten Vergleich der Auswirkungen verschiedener Unternehmen ermöglichen.

Dieses Maß an Transparenz würde Forschenden, Modeschaffenden und Medien helfen zu verstehen, welche Unternehmen Fortschritte machen und welche hinterherhinken. Aber es muss auch eine Rechenschaftspflicht bestehen. Sehr vereinfacht gesagt: Eine gesetzliche Verpflichtung, um die Emissionen von Unternehmen auf das im Pariser Abkommen festgelegte Niveau reduzieren, würde den Fortschritt schnell(er) vorantreiben.

Die Lebensmittelindustrie als Inspiration?

Woher kommt unser Essen? Diese Frage ist beim Einkaufen mittlerweile so selbstverständlich, dass wir sie intuitiv stellen. Wir machen uns Gedanken über Pestizide und darüber, ob Landwirt*innen fair entlohnt werden. Doch wenn es um Baumwolle oder Hanf geht, fragt sich kaum eine*r, wo oder wie angebaut und ob jemand fair entlohnt wurde oder nicht. Bei dem ganzen Glitz und Glamour der Modewelt vergessen wir schnell, dass hinter jedem Kleidungsstück auch ein Mensch steht, der diese hergestellt hat.

Nisolo, eine nachhaltige Schuhmarke aus den USA, führte kürzlich ein „Sustainability Facts“-Etikett ein, das von den Nährwertangaben auf vielen Lebensmitteln inspiriert wurde. Die Idee besteht darin, eine Art Aufmerksamkeits- und Rechenschaftstool zu schaffen. Marken können dadurch Schwächen erkennen und ihr Geschäftsmodell bei Bedarf anpassen. Die Bewertungen sind in zwölf Kategorien unterteilt, darunter Löhne, Gesundheitsversorgung, Materialien und Verpackung. Jede Kategorie wird als Prozentsatz aufgeführt: Wenn also allen Menschen innerhalb der Lieferkette ein existenzsichernder Lohn gezahlt wird, beträgt die Punktzahl 100 Prozent. 

Würde diese Art der Kennzeichnung mir helfen, meine Kleidung bewusster zu kaufen? Ich bin der Meinung, dass jede Rückverfolgbarkeit ein Schritt in die richtige Richtung ist. Solange aber nur wenige Unternehmen ein solches Etikett verwenden und es kein universelles Format gibt, handelt es sich in meinen Augen um ein imperfektes System. 

Ein einheitliches System zu entwickeln, ist jedoch – ihr ahnt es schon – kompliziert. Veranschaulichen wir das mal mit der Product Environmental Footprint-Methode, die unter anderem von der EU-Kommission entworfen wurde und seit mehreren Jahren in der Testphase ist. 

Der Product Environmental Footprint (PEF) ist eine Methode, die es ermöglicht, alle relevanten Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen sowie ressourcenbedingten Belastungen eines Produktes oder einer Dienstleistung zu ermitteln. Für die Berechnung wird der gesamte Lebenszyklus der Produkte betrachtet. Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass Umweltauswirkungen transparent kommuniziert und einheitlich bewertet werden können.

Die PEF-Methode stellt aktuell die ganzheitlichste wissenschaftliche Methode zur Bewertung der Umweltauswirkungen eines Produktes dar, obwohl sie auch wichtige Einschränkungen aufweist. Es werden beispielsweise weder Verlust der biologischen Vielfalt behandelt, noch der Austritt von Mikroplastik in die Umwelt. Das liegt daran, dass niemand wirklich weiß, wie man diese negativen Umwelteffekte effizient messen soll. Ich habe euch ja gewarnt – es ist kompliziert.

All rise: Das Urteil

Eine Analyse von Stand.earth, die vor der COP26 veröffentlicht wurde, kam zum folgenden Ergebnis: Große Modemarken scheitern bei ihren Bemühungen, die Emissionen innerhalb der Lieferketten auf das Niveau zu senken, das erforderlich ist, um den im Pariser Abkommen festgelegten 1,5 Grad Pfad zu erreichen. Die Analyse von neun Unternehmen – darunter Uniqlo, Gap, H&M, Inditex, Kering, Levi’s, und Nike – ergab, dass acht von neun Unternehmen ihre Lieferkettenemissionen im Jahr 2019 beziehungsweise 2020 sogar erhöht haben.

Das Tragische daran ist, dass mich solche Studien kaum noch schockieren. Erst vor einigen Monaten habe ich einen Artikel darüber geschrieben, wieso die Modeindustrie (allen voran Fast-Fashion-Unternehmen) höhere Umsätze abwirft als jemals zuvor – trotz Pandemie. Es sollte uns klar sein, dass wenn mehr produziert und verkauft wird, auch die CO2-Emissionen steigen.

Im Jahr 2020 stellte ein Bericht der Global Fashion Agenda fest, dass die Emissionen der Modebranche bis 2030 auf rund 2,7 Milliarden Tonnen pro Jahr steigen werden, wenn die bestehenden Maßnahmen unverändert bleiben. 

Wir müssen die wirtschaftliche Dynamik herausfordern. Um einen beschleunigten Wandel zu erreichen, erfordert es politischen Druck – Gesetzgeber*innen müssen nachhaltige Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle durch Investitionen und Anreize unterstützen. Die, die nicht bereit sind für diesen Wandel, brauchen einen Strafrahmen. Ist das utopisch? Ich denke nicht. Es gibt schließlich genug Vorschläge, wie das konkret aussehen könnte.

Die Modebranche ist so eng mit anderen Sektoren verbunden, dass jede neue Gesetzgebung ganzheitlich sein muss, damit sie positive Auswirkungen auf die Branche und die betroffenen Gemeinschaften haben kann. Von Musterverträgen zwischen Unternehmen und Fabriken, die Textilbeschäftigte besser schützen sollen, über die Festlegung von Obergrenzen für den Ressourcen- und Energieverbrauch bis hin zu der gesetzlich vorgeschriebenen Materialzusammensetzung von Kleidung. Gesetzgeber*innen können sich hier richtig austoben, ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Sie müssen nur endlich damit anfangen. 

Was denkt ihr? Müssen wir die Modebranche gesetzlich regulieren? Wie könnte diese Regulierung aussehen?

Titelbild: Thanh Tam via Unsplash

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